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Der digitale Raum entwickelt sich zunehmend zu einem Instrument politischer Machtausübung.

Soziale Medien haben die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem weitgehend aufgehoben. Was früher durch Rollen, Konventionen und soziale Distanz geschützt war, ist heute in Echtzeit sichtbar, speicherbar und auswertbar. Der öffentliche Auftritt ist kein bewusst gestalteter Akt mehr, sondern ein Dauerzustand. Damit gerät ein zentrales Fundament gesellschaftlicher Existenz unter Druck: die soziale Maske.

Helmuth Plessner beschrieb diese Maske bereits 1924 in Grenzen der Gemeinschaft als notwendige Bedingung sozialen Zusammenlebens. Ohne sie, so Plessner, wären Menschen moralisch und physisch nackt – schutzlos gegenüber Blicken, Zugriffen und Urteilen. Die Maske vermittelt zwischen Innen und Außen, sie schafft Distanz, ohne dass die Gemeinschaft Schaden nimmt.

Im digitalen Raum ist diese Nacktheit längst Realität. Und genau sie bildet den Resonanzboden für neue Formen politischer Kontrolle.

Das Internet erscheint als schwer durchschaubares Paralleluniversum, in dem unsichtbare Kräfte Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und Reichweite steuern. In den vergangenen Wochen sorgten insbesondere Meldungen aus den USA für Unruhe: Nutzerinnen und Nutzer berichteten, der Name „Epstein“ könne auf Tiktok nicht mehr gepostet werden. Ebenso sollen Inhalte, die sich kritisch mit dem Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE befassen, blockiert oder zumindest algorithmisch gedrosselt worden sein. Außerhalb der USA scheint dies bislang nicht der Fall zu sein. In dieses Bild fügt sich eine Bemerkung von Donald Trump aus dem vergangenen Herbst, als er scherzhaft ankündigte, den Tiktok-Algorithmus gern „hundert Prozent Maga“ auszurichten.

Belege für gezielte, systematische Zensur fehlen. Doch gerade darin liegt die eigentliche Macht. Sie entfaltet sich nicht primär durch offene Verbote, sondern durch die Erzeugung von Unsicherheit.

Was soziale Medien von klassischen Öffentlichkeiten unterscheidet, ist nicht nur ihre Reichweite, sondern ihre Tiefe. Sie operieren nicht allein auf der Ebene von Meinungen, sondern greifen in biografische, emotionale und intime Zonen ein. Likes, Suchanfragen, Aufenthaltsorte und soziale Netzwerke formen ein digitales Abbild des Subjekts – oft präziser, als dieses sich selbst kennt. Die soziale Maske, die zwischen innerem Erleben und äußerer Darstellung vermittelt, wird dadurch porös.

Plessners Warnung vor einer Gemeinschaft ohne Distanz erhält so eine neue, technische Dimension. Eine Gesellschaft, in der das Private vollständig öffentlich wird, ist nicht transparenter, sondern verletzlicher. Der Verlust der Maske bedeutet nicht Authentizität, sondern Ausgeliefertsein. In einer solchen Konstellation genügt bereits die Möglichkeit der Überwachung oder der algorithmischen Sanktion, um Verhalten zu steuern. Wer weiß, dass jede Äußerung gespeichert, ausgewertet und potenziell gegen ihn verwendet werden kann, beginnt, sich selbst zu kontrollieren.

Jean-Paul Sartre schrieb, die Hölle seien die anderen. In der digitalen Gegenwart zeichnet sich jedoch eine noch radikalere Dystopie ab: Nicht mehr die bloße Anwesenheit der anderen wird zur Bedrohung, sondern das Ineinanderfließen filterloser Bewusstheiten – vermittelt durch Plattformen, Algorithmen und staatliche Zugriffe. Eine Welt ohne Schutzräume, ohne abgestufte Redeweisen, ohne Rollenwechsel. Eine Welt permanenter Öffentlichkeit.

Deutlich greifbarer als bei Tiktok ist diese Dynamik bei Plattformen des Meta-Konzerns. Dessen Gründer Mark Zuckerberg zählt ebenfalls zum Kreis der Tech-Unternehmer mit direktem Draht zu Trump. Auf Facebook und Instagram ließ sich die Seite „ICE List Wiki“ nicht verlinken. Die Seite sammelt Namen von ICE-Mitarbeitern, dokumentiert Vorfälle und gibt Hinweise, wie man sich vor Zugriffen der Behörde schützen kann. Anders als bei Tiktok greift diese Blockade auch in Deutschland.

Entscheidend sind dabei weniger die einzelnen Eingriffe als das Klima, das sie erzeugen. Angst wirkt in Machtgefügen wie ein Verstärker. Die Furcht vor unsichtbarer Ausgrenzung, die Unklarheit darüber, welche Inhalte geduldet werden, und die Sorge, mit kritischen Beiträgen ins Visier staatlicher Stellen zu geraten, verwandeln den digitalen Raum in ein Feld vorsorglicher Anpassung. Selbstzensur tritt an die Stelle offener Repression.

Dieses Problem ist längst kein rein amerikanisches. Die globale Infrastruktur sozialer Medien liegt faktisch in US-amerikanischer Hand. Datensouveränität, algorithmische Transparenz und demokratische Kontrolle bleiben Illusionen, solange andere Regionen weder über vergleichbare Rechenleistung noch über eigenständige digitale Öffentlichkeiten verfügen. So werden soziale Medien zu Trägern nicht nur technischer, sondern auch kultureller und politischer Macht.

Dass ein Link zu einer dubiosen US-Webseite auch in Europa nicht mehr auf Facebook geteilt werden kann, mag marginal erscheinen. Als Symptom jedoch zeigt es, wie weitreichend die Verschiebung bereits ist.

Das Internet gilt als grenzenlos. Doch in seinem Inneren entstehen neue Formen von Grenze – unsichtbar, algorithmisch, psychologisch wirksam. In einer Öffentlichkeit ohne Maske wird Macht nicht mehr primär durch Verbote ausgeübt, sondern durch Entblößung. Wer nackt ist, braucht keine Ketten mehr.